Home › Blog › Semax: ACTH-Analogon in der kognitiven Forschung
LONGEVITY · Research
22. Mai 2026 · 6 min Lesezeit · Glowtides Research
| Bezeichnung | Semax / ACTH(4-7)-PGP |
|---|---|
| Sequenz | Met-Glu-His-Phe-Pro-Gly-Pro |
| Molekularmasse | ~813 Da |
| CAS-Nummer | 80714-61-0 |
| Reinheit | ≥99 % (HPLC) |
| Kategorie | Heptapeptid / ACTH-Analogon |
| Herkunft | Institut für Molekulargenetik, RAS |
| Lagerung | −20 °C, Schutzatmosphäre, lichtgeschützt |
| Eigenschaft | Semax | Selank | NA-Semax |
|---|---|---|---|
| Sequenz | MEHFPGP | TKPRPGP | Ac-MEHFPGP |
| Molekularmasse | ~813 Da | ~751 Da | ~855 Da |
| Basis-Peptid | ACTH(4-7) | Tuftsin | ACTH(4-7), N-acetyliert |
| Primärer Fokus | Kognition, Neuroprotection | Anxiolyse, Immunmodulation | Verstärkte Kognition |
| BDNF-Modulation | Hochregulation | Moderate Modulation | Stärkere Hochregulation |
| Sedierung | Nein | Nein | Nein |
| Herkunft | Inst. f. Molekulargenetik, RAS | Inst. f. Molekulargenetik, RAS | Derivat von Semax |
Semax ist ein synthetisches Heptapeptid mit der Sequenz Met-Glu-His-Phe-Pro-Gly-Pro und einer Molekularmasse von etwa 813 Da. Es wurde am Institut für Molekulargenetik der Russischen Akademie der Wissenschaften (RAS) entwickelt — demselben Institut, das auch Selank hervorgebracht hat. Semax ist ein stabilisiertes Analogon von ACTH(4-7), dem Fragment des adrenocorticotropen Hormons, das für kognitive und neuroprotektive Eigenschaften verantwortlich gemacht wird.
ACTH (Adrenocorticotropes Hormon) ist ein 39-Aminosäuren-Peptid der Hypophyse. Das Fragment ACTH(4-7) — bestehend aus Met-Glu-His-Phe — zeigt in Tiermodellen kognitive Aktivität unabhängig von der adrenokortikalen Wirkung des Gesamthormons. Die native Sequenz wird jedoch rasch enzymatisch abgebaut. Die Verlängerung um Pro-Gly-Pro am C-Terminus erhöht die Serumstabilität um ein Vielfaches.
Die C-terminale Pro-Gly-Pro-Sequenz von Semax ist nicht nur ein Stabilitäts-Enhancer — sie trägt strukturelle Ähnlichkeit zu Prolinreichen Peptiden der Immunmodulation (wie Tuftsin, dem Muttermolekül von Selank). Die doppelte Prolinkappung schützt vor Carboxypeptidase-Abbau und verleiht dem Peptid ein günstigeres pharmakokinetisches Profil als das native ACTH-Fragment.
Die Forschungsliteratur zu Semax dokumentiert Aktivität an mehreren neurobiologischen Signalwegen. Die am besten charakterisierten Mechanismen umfassen die BDNF-Hochregulation, die Modulation monoaminerger Neurotransmission und die Beeinflussung der NMDA-Rezeptor-Aktivität.
Brain-Derived Neurotrophic Factor (BDNF) ist einer der wichtigsten neurotrophen Faktoren des zentralen Nervensystems. Er fördert das Überleben und die Differenzierung von Neuronen und spielt eine zentrale Rolle in der synaptischen Plastizität — dem biologischen Substrat von Lernen und Gedächtnis. Dolotov et al. (2006) dokumentierten eine signifikante BDNF-Hochregulation im Hippocampus unter Semax-Applikation in Nagermodellen.
Neben BDNF beeinflusst Semax die dopaminerge und serotonerge Neurotransmission. In Tiermodellen wurde eine Modulation der Dopamin-Turnover-Rate und eine Stabilisierung serotonerger Aktivität dokumentiert. Diese duale Modulation ist relevant, da beide Systeme an kognitiven Funktionen beteiligt sind — Dopamin an Motivation und Arbeitsgedächtnis, Serotonin an Stimmungsregulation und kognitiver Flexibilität.
Neuroprotektive Aktivität wurde in Ischämie- und Traumamodellen nachgewiesen. Gusev et al. (2005) dokumentierten reduzierte Infarktvolumina und verbesserte funktionelle Outcomes in einem zerebralen Ischämiemodell unter Semax-Applikation. Die Ergebnisse stammen überwiegend aus russischen und osteuropäischen Forschungsgruppen und sind im Kontext des russischen Zulassungsprozesses zu bewerten.
N-Acetyl-Semax (NA-Semax) ist ein acetyliertes Derivat mit modifiziertem N-Terminus. Die Acetylierung schützt vor Aminopeptidase-Abbau und erhöht die Bioverfügbarkeit. In Vergleichsstudien zeigt NA-Semax eine stärkere BDNF-Hochregulation als die nicht-acetylierte Stammverbindung. NA-Semax ist ausschließlich als Research Peptid verfügbar.
Semax hat in Russland den Status eines zugelassenen Arzneimittels für bestimmte neurologische Indikationen — als 0,1 % Nasenspray-Formulierung. In der EU und den USA besteht keine Arzneimittelzulassung. Dieser duale Status — klinisch zugelassen in einem Land, reines Forschungspeptid in anderen — macht Semax zu einem interessanten Grenzfall in der regulatorischen Landschaft für Neuropeptide.
Beide Heptapeptide stammen aus demselben Institut, basieren aber auf unterschiedlichen Muttermolekülen und adressieren unterschiedliche Indikationsbereiche. Semax (ACTH-basiert) fokussiert auf Kognition und Neuroprotektion; Selank (Tuftsin-basiert) auf Anxiolyse und Immunmodulation. Die BDNF-Hochregulation ist bei beiden dokumentiert, aber bei Semax stärker ausgeprägt. In der Forschung werden beide als komplementär betrachtet.
Jüngere Arbeiten untersuchen Semax im Kontext neuroinflammatorischer Modelle, epigenetischer Modulation (DNA-Methylierung, Histon-Acetylierung) und als potentiellen Modulator der Neuroplastizität. Die Datenlage ist vielversprechend, aber überwiegend präklinisch. Kontrollierte westliche Peer-Review-Studien zu kognitiven Effekten am Menschen sind limitiert.
Transkriptom-Analysen von Dolotov et al. zeigen, dass Semax die Expression einer breiten Palette von Genen beeinflusst, die über BDNF hinausgehen. In Rattengehirn-Gewebe wurden Veränderungen in der Expression von Genen der Neurogenese, synaptischen Transmission, Entzündungsregulation und Apoptose-Kontrolle dokumentiert. Die Datenlage deutet auf ein pleiotropes Wirkprofil hin, das nicht auf einen einzelnen Rezeptor oder Signalweg reduzierbar ist.
Die intranasale Applikation ist der in der russischen Klinik und in Forschungsprotokollen am häufigsten verwendete Verabreichungsweg. Die Nasenschleimhaut bietet eine direkte Verbindung zum olfaktorischen Nerv und damit einen potenziellen Umgehungsweg der Blut-Hirn-Schranke. Pharmakokinetische Studien dokumentieren messbare BDNF-Veränderungen im Hippocampus innerhalb von 30 Minuten nach intranasaler Applikation in Nagermodellen — ein Hinweis auf effiziente zentrale Bioverfügbarkeit.
In Russland ist Semax als 0,1 % Nasenspray für neurologische Indikationen zugelassen, darunter kognitive Störungen nach ischämischem Insult und transitorische ischämische Attacken. Die klinischen Daten sind in russischsprachigen Fachzeitschriften publiziert und im westlichen Peer-Review-System nur eingeschränkt zugänglich. Die Diskrepanz zwischen russischer klinischer Praxis und dem Fehlen westlicher Zulassungsstudien ist ein wiederkehrendes Thema in der Bewertung der Evidenzlage.
Eine weitere dokumentierte Wirkachse von Semax betrifft den NMDA-Rezeptor (N-Methyl-D-Aspartat), der eine zentrale Rolle in der synaptischen Plastizität und im Langzeitgedächtnis spielt. In elektrophysiologischen Studien an Hippocampus-Schnitten wurde unter Semax-Exposition eine Modulation der NMDA-vermittelten synaptischen Transmission und eine Beeinflussung der Langzeitpotenzierung (LTP) dokumentiert. LTP ist das am besten charakterisierte zelluläre Modell für Lernen und Gedächtnis — seine Modulation durch Semax korreliert mit den in Verhaltenstests beobachteten kognitiven Effekten.
Neuere Studien untersuchen den Einfluss von Semax auf die adulte Neurogenese — die Neubildung von Nervenzellen im erwachsenen Gehirn, die primär in der subgranulären Zone des Hippocampus und der subventrikulären Zone stattfindet. In Nagermodellen wurde unter chronischer Semax-Applikation eine erhöhte Proliferation neuraler Vorläuferzellen dokumentiert. Die BDNF-Hochregulation wird als wahrscheinlicher Mediator dieses Effekts diskutiert, da BDNF ein etablierter Promotor der adulten Neurogenese ist.
Neben NA-Semax existieren weitere Derivate, darunter Semax-Amidat und fluorierte Analoga. Semax-Amidat trägt eine C-terminale Amidgruppe, die die Stabilität gegenüber Carboxypeptidase-Abbau weiter erhöht. Die Diversität der Semax-Derivate spiegelt die aktive Forschungslandschaft wider und zeigt das Potenzial des ACTH(4-7)-Grundgerüsts als Plattform für die Entwicklung neuer Neuropeptid-Tools. In der Beschaffung ist die präzise Spezifizierung der gewünschten Variante entscheidend — Verwechslungen zwischen Semax, NA-Semax und Semax-Amidat beeinflussen die Reproduzierbarkeit von Forschungsergebnissen.
In Ischämie-Reperfusions-Modellen dokumentieren Studien eine antioxidative Wirkung von Semax: Reduktion von Malondialdehyd (einem Lipidperoxidations-Marker), Hochregulation von SOD und Katalase sowie eine verbesserte mitochondriale Funktion im ischämisch geschädigten Gewebe. Diese antioxidativen Effekte ergänzen die BDNF-vermittelte Neuroprotektion und bilden ein multifaktorielles Schutzprofil gegen oxidativen Stress im ZNS. Die Datenlage ist überwiegend präklinisch und stammt primär aus russischen Arbeitsgruppen.
Im Spektrum der nootropischen Substanzen nimmt Semax eine besondere Position ein. Klassische Nootropika wie Piracetam und Aniracetam wirken über Glutamat-Rezeptor-Modulation und cholinerge Verstärkung. Semax adressiert andere Signalwege — primär BDNF, Dopamin und NMDA-Modulation. Die Kombination aus kognitivem Enhancement und neuroprotektiver Aktivität unterscheidet Semax von rein kognitiv wirkenden Substanzen. Im Kontext der Peptidforschung ist Semax eines der wenigen Moleküle, für die sowohl kognitive als auch protektive Endpunkte in Tiermodellen konsistent dokumentiert sind.
Neben den primären neurotrophen Wirkungen dokumentieren neuere Arbeiten immunmodulatorische Eigenschaften von Semax. In Tiermodellen wurde eine Beeinflussung der Mikroglia-Aktivierung im ZNS beobachtet — Mikroglia sind die residenten Immunzellen des Gehirns, deren chronische Aktivierung mit neuroinflammatorischen Zuständen assoziiert ist. Semax moduliert die Mikroglia-Polarisierung in Richtung des neuroprotektiven M2-Phänotyps und reduziert die Expression pro-inflammatorischer Zytokine (IL-1β, TNF-α) im ZNS. Diese neuroimmunologische Dimension verbindet die kognitiven und neuroprotektiven Eigenschaften des Peptids auf zellulärer Ebene.
Die sieben Aminosäuren von Semax enthalten Methionin (Met) am N-Terminus — eine der oxidationsempfindlichsten proteinogenen Aminosäuren. Methionin-Sulfoxid-Bildung durch Luftsauerstoff oder UV-Licht verändert die Konformation und damit die biologische Aktivität des Peptids. Diese Oxidation ist per HPLC als Zusatzpeak detektierbar und kann fälschlicherweise als Verunreinigung interpretiert werden.
Unrekonstituiertes Semax wird lyophilisiert bei −20 °C gelagert, idealerweise unter Schutzatmosphäre (Argon oder Stickstoff). Lichtschutz ist besonders wichtig, da UV-Strahlung die Methionin-Oxidation beschleunigt. Die Rekonstitution erfolgt mit bakteriostatischem Wasser. Die fertige Lösung gekühlt bei 2–8 °C lagern und innerhalb von 21 Tagen verbrauchen.
Ein weniger bekannter Aspekt der Semax-Forschung betrifft die Interaktion mit dem Melanocortin-System. Als ACTH-Derivat kann Semax mit Melanocortin-Rezeptoren interagieren, wobei die Bindungsaffinität für MC3R und MC4R deutlich geringer ist als für die primären neurotrophen Targets. Dennoch dokumentieren Studien eine schwache MC4R-Modulation, die zur appetitregulierenden Wirkung von ACTH-Derivaten beitragen könnte. Diese Kreuzreaktivität ist dosisabhängig und in den typischen Forschungsdosierungen minimal.
Nein. Semax wird in der EU und den USA ausschließlich als Research Peptid für Laborforschungszwecke gehandelt. Die russische Arzneimittelzulassung ist auf das Nasenspray-Format und spezifische neurologische Indikationen beschränkt. Der regulatorische Status unterscheidet sich damit fundamental zwischen Jurisdiktionen — eine Besonderheit unter den neuropeptidischen Forschungssubstanzen. Nicht für den menschlichen Konsum in der EU bestimmt.
Semax ist ein ACTH(4-7)-Analogon mit primär kognitiven Eigenschaften. Selank basiert auf Tuftsin und zeigt primär anxiolytische Aktivität über GABAerge Modulation.
Hochregulation von BDNF, Modulation der dopaminergen und serotonergen Neurotransmission, Beeinflussung der NMDA-Rezeptor-Aktivität sowie Einfluss auf NGF und NT-3.
Nein. Semax besitzt nur in Russland eine Arzneimittelzulassung als Nasenspray. In der EU und den USA wird es ausschließlich als Research Peptid gehandelt.
NA-Semax (N-Acetyl-Semax) ist ein acetyliertes Derivat mit verbesserter Bioverfügbarkeit und verlängerter Halbwertszeit. Die Acetylierung erhöht die Stabilität gegen enzymatischen Abbau.
Lyophilisiert bei −20 °C unter Schutzatmosphäre. Semax enthält oxidationsempfindliches Methionin — Lichtschutz ist besonders wichtig.